Dienstag, 10. Juni 2014

Fundstück #2: In memoriam Jeffrey Lee Pierce

Mit dem hervorragenden Album Axels & Sockets verneigen sich Größen wie Nick Cave, Iggy Pop, Debbie Harry oder Mark Lanegan dieser Tage vor dem Musiker, Autor und Weltenbummler Jeffrey Lee Pierce, der 1996 starb, und der vor allem durch seine Aufnahmen mit der Punk-Blues-Band The Gun Club Geschichte schrieb. Ein guter Anlass, um mich auf eine meiner eigenen Begegnungen aus dem Jahr 1993 mit einem Künstler zu besinnen, dessen Lebenskerze nicht nur an beiden Seiten, sondern auch irgendwo in der Mitte brannte. 

The Gun Club: „Good Morning Vietnam“

 „Was ist das hier eigentlich für eine Gegend, was geht denn hier ab?“, erkundigt sich Jeffrey Lee Pierce als erstes. Natürlich hat er schon beim kurzen Weg quer über die Straße vom Bahnhof zum Hotel gemerkt, was hier so los ist - wir sind halt mittendrin in Frankfurts Rotlichtsumpf. Jeffrey hat genug von der Welt gesehen. um das sofort zu erkennen. „Ich mag solche Viertel“, erklärt er dann mit leichtem Lächeln und scheint sich ein bisschen zu entspannen.

Jeffrey hat heute nicht seinen besten Tag, er ist müde und hat Schmerzen, und am liebsten wäre er in London geblieben, um sich noch ein paar Tage zu erholen, bevor die Tournee beginnt. Die Gerüchte, er sei schwerkrank und habe Leberzirrhose, haben sich bestätigt, aber er scheint gerade jetzt entschlossen, produktiver zu sein als in seiner ganzen Karriere zuvor - trotzdem oder gerade deswegen. Seit 1990 das letzte Studio-Album des Gun Clubs erschien, hat die Band eine Doppelmaxi und zwei Live-LPs herausgebracht, und Jeffrey hat solo als „Ramblin’ Jeffrey Lee“ eine Bluesplatte aufgenommen, von der Zusammenarbeit mit anderen Bands wie Die Haut einmal ganz abgesehen. 

Und jetzt gibt es wieder etwas Neues vom Gun Club: Lucky Jim“. Nicht ihre beste Platte bisher, leider, vor allem wegen der klapprigen Produktion, die unweigerlich das gute Songmaterial ruiniert hat. Jeffrey hatte sich diesmal die Produktion mit Peter Rave, dem Toningenieur seines Blues-Albums, geteilt, anstatt alles allein zu machen. Und das ging ziemlich daneben.

„Ich dachte, mit einem Co-Produzenten hätte ich ein bisschen mehr Freiheit und könnte mal ein paar Stunden lang weg“, erzählt Jeffrey. Worte fließen bei ihm wie Sirup – langsam, zäh, aber unaufhörlich. Zwischenfragen pflegt er so lange zu überhören, bis er ein Thema abgeschlossen hat.
„Wir hatten ein paar wirklich gute Aufnahmen, sie klangen perfekt, genau wie ich sie wollte, und er wollte nur noch ein paar Kleinigkeiten glätten. Und dann hat er es in einer Stunde geschafft, das Ganze völlig zu versauen. Wir hatten keine Zeit mehr, die Platte neu zu mischen – Geld natürlich auch nicht. Das passiert mir kein zweites Mal.“

Also ist der dünne Sound nicht etwa darauf zurückzuführen, dass Gitarrist Kid Congo Powers nicht mehr mit von der Partie ist. Kid hatte sich in den dreizehn Jahren Gun-Club-Karriere immer mal wieder ausgeklinkt, um sich neben dem Gun Club noch an anderen Bands zu beteiligen, an den Cramps oder Nick Caves Bad Seeds. Jetzt hat er allerdings ein eigenes Projekt geplant und will außerdem nicht mehr so lange in Europa abhängen. Jeffrey stört das nicht besonders. The Gun Club das ist er selbst, er und seine langjährige japanische Freundin Romi am Bass. Kid ist ein guter Freund und ein guter Gitarrist, aber nicht unersetzbar. Höchstens live gibt es Probleme, aber Rainer Link von Die Haut ist schon als Vertretung eingeplant.
Jeffrey versucht, sich mit Cola Light ein bisschen munterer zu machen. „Brüssel, dann mit dem Zug nach Köln, und jetzt hierher. Das nervt einfach. Mir sind Flugzeuge lieber. Gott segne die Gebrüder Wright! Wenn die nicht wären – oh Mann, da wäre ich noch nie irgendwo hingekommen. Stell dir vor, man müsste wie früher nach Bangkok reisen. Auf einem Frachter, einem Scheiß-Schiff, das hundert Tage bis dahin braucht.“
„David Bowie ist mal mit dem Schiff nach Japan gefahren“, wirft Romi ein, die neben ihm sitzt. „Weil er Angst vorm Fliegen hat.“

„Ich nicht“, meint Jeffrey, „ich steige in jeden Flieger, egal, wie er aussieht. Hier hat man ja auch den Luxus, in einem Terminal einzuchecken. In einigen Ländern gibt's das gar nicht. Da geht man eben übers Rollfeld. In Asien gibt’s nur ein Terminal, das ist in Bangkok.“
„Und in Japan“, widerspricht Romi.
„Ja, aber nicht in Vietnam.“ Zwei Minuten nicht aufgepasst, und schon sind wir bei einem Thema gelandet. über das Jeffrey sowieso viel lieber spricht als über seine Musik: Reisen, fremde Länder, und vor allem Vietnam. 

„Ich war vor allem im Süden, im Delta. In die Berge im Inland bin ich noch nie vorgedrungen, das war bisher immer noch Sperrgebiet. Es gibt dort einen Hubschrauberstützpunkt der Amerikaner aus dem Krieg. Die Hubschrauber stehen alle noch da und rotten vor sich hin. Weiter nach Norden kommt man aber nicht.“
Romi begleitet ihn nicht auf seinen Abenteuerreisen, obwohl die bei den sonst unzertrennlich zu sein scheinen. Sie bestellt ihm was zu trinken. sucht ihm Kleingeld fürs Telefon raus, ist bei jedem Interview dabei. Sie lotst ihn durch das Chaos der Zivilisation, in den Ländern der Dritten Welt kommt er allein klar.
„Ich finde nie jemanden. der mit mir nach Vietnam fährt“, seufzt Jeffrey, „aber wir waren zusammen in Bangkok. Und dann ist sie nach Hause, nach Japan, gefahren.“ Und er saß natürlich im nächsten Flieger nach Saigon. 

Ein anderes Traumziel ist Ägypten. Nach den Anschlägen auf Touristen in der letzten Zeit auch kein besonders sicheres Reiseziel, aber Jeffrey ist optimistisch. „Ich versuche überall, mich so unsichtbar wie möglich zu machen. Mich spricht nie jemand an oder nervt mich. Wahrscheinlich sehe ich irgendwie harmlos aus, aber seltsam genug, um nicht überfallen zu werden.“ Jeffrey fischt die Zitrone aus seinem Colaglas und legt sie in den Aschenbecher. Romis „Haalt!“ kommt zu spät. „Wolltest du die?“, fragt er.
„Na, jetzt nicht mehr“, schmollt Romi. Jeffrey nimmt seinen Faden wieder auf:
"Ich war sogar in New York unsichtbar. Wahrscheinlich hat mich in der Lower East Side noch nie jemand gesehen! Du musst immer im Schatten bleiben und dich von Menschengruppen fernhalten. Und niemals Blickkontakt herstellen. Wenn du niemanden ansiehst, spricht dich auch niemand an.“ 
Das funktioniert überall, in Alphabet City genauso wie in Bangkok mit seinen Verbrecherbanden. „Bangkok ist wirklich ziemlich kriminell. Saigon nicht.“ Womit wir wieder beim Thema wären. „Und Saigon ist auch viel billiger, die beste Stadt für junk shopping ...“
Junk shopping? Jeffrey wirft mir einen amüsierten „Nicht-was-du-denkst“-Blick zu. 
„Ja, allen möglichen gebrauchten Kram, herrliche Sachen aus den Sechzigern. Schallplatten, alles.“ Klar, Schallplatten aus den Sechzigern. Lucky Jim verrät schließlich ebenso wie andere Gun-Club-Werke eine Liebe für Jimi Hendrix.  
„Ich höre gar nicht mehr so viel Hendrix wie früher. Wahrscheinlich kommen meine Songs mittlerweile einfach so ähnlich rüber, weil ich auch versuche, mit Akkorden auszugleichen, dass ich keinen zweiten Gitarristen mehr habe. Früher war ich besessen davon, auch wie er Leadgitarre spielen zu wollen. Davon bin ich inzwischen geheilt. Die nächste Platte wird auf alle Fälle bunter werden, mit exotischeren Instrumenten."
 Und vielleicht vietnamesischer Musik? 
„Nein. Das Land inspiriert mich auf andere Art und Weise. ‚Lucky Jim’, der Titelsong, war mein erster Versuch, darüber zu schreiben – weil ich Vietnam einfach so vermisse. Der Monsunregen ist zum Beispiel etwas Wunderbares. Der Wind kommt plötzlich aus allen Richtungen, und dann fängt es an zu regnen, eine Viertelstunde lang vielleicht, und dann ist der ganze Spuk vorbei. In Europa gibt es keinen Monsun ...“ 
Jeffrey blickt an mir vorbei. Im Geiste ist er wahrscheinlich schon wieder auf dem Weg nach Saigon.



(Zillo, Mai 1993)